Ingo Struck
Warum Deine Fusion ein Kampf mit Kokosnüssen ist
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Warum Deine Fusion ein Kampf mit Kokosnüssen ist

·5 min

Menschen hassen Prozesse. Sie fühlen sich wie Zwangsjacken an.
Denn alle halten sich für Künstler. Besonders Software-Entwickler.

Disclaimer: Ich war ziemlich lange selbst einer.

Ich kenne beide Sorten.

Manche sind tatsächlich Künstler.
Wahre Paganinis der Tastatur.

Andere halten sich nur dafür.
Eingebildete Meister.

Zu welcher Sorte ich gehöre? Darüber kann jemand anders urteilen.

Greife ihre künstlerische Freiheit an. Sie werden sich wehren.

Wie der Schwarze Ritter.
…einigen wir uns auf unentschieden.

Schlacht um nichts

Beispiel: Bringe fünf Entwickler-Teams dazu, sich auf eine IDE zu einigen. Oder ein CI/CD-Tooling. Oder auch nur einen Text-Editor.

Du wirst einen Aufruhr entfesseln. Mehr als einmal erlebt.

Mit Deinen internen Teams geht das noch. Versuche das ganze nach einer Fusion.

Fast unmöglich.

Deine M&A-Aktivität scheitert nicht am Management. Sondern am Widerstand derer, die Du vereinigen willst.

Jetzt musst Du unterschiedliche Kulturen verschmelzen.
Und inkompatible Toolstacks.

Enormer Reibungsverlust.

Umschulung? Deine Teams haben andere Baustellen.

Sie sollen ja liefern.

Und die sorgfältig geplanten Migrationsprojekte?
Dauern doppelt so lang wie geplant.
Und kosten fünfmal so viel.

Denn Deine Entwickler sollen ja liefern.

Also kaufst Du externe Berater ein. Die besten, die Dein Budget hergibt.

Und die beißen sich dennoch die Zähne aus.
Denn der Hebel von außen ist noch kleiner.

Abnutzungskrieg

Das wahrscheinliche Szenario: Du verlierst die Schlüsselfiguren deiner neuen Errungenschaft.

Eine nach der anderen.
Wie der Schwarze Ritter seine Gliedmaßen.

Weil sie keine Lust haben, sich anzupassen.
Weil sie sich wie Verlierer fühlen.

Klingt hart? Ist es auch.

Sie verlieren ihren geliebten Toolstack. Oder sogar ihre hart erarbeitete Position. Am schlimmsten aber: Sie müssen ihre Gewohnheiten aufgeben.

Und dazu haben Sie keine Lust.

Denn sie sind ja Künstler. Und Experten.

Du darfst ihnen sagen, was sie tun sollen.
Aber bloß nicht, wie.
Das wäre ja Micro-Management.

Und Du darfst sie nicht in strikte Prozesse zwingen.
Weil sie glauben, dass die ihre künstlerische Freiheit einschränken. Und sie langsamer machen.

Oft haben sie damit recht.

Denn schlecht gestaltete Prozesse tun beides.
Sie lenken vom kreativen Tun ab.
Und sie machen langsamer. Viel langsamer.

Und dann gehen die Leute einfach.
Sie fliehen vor Deinem Unternehmen.

Wie Sir Robin vor dem dreiköpfigen Feind.

Belagerung

Es kann aber auch anders kommen.

Sie bleiben. Und sie igeln sich ein. Mit allen Mitteln widersetzen sie sich der Verschmelzung.

Das kann noch schlimmer sein.

Nun wirst Du Diener zweier Herren:

Zwei Kulturen.
Zwei Toolstacks.
Zwei Kundenstämme.
Zwei Dokumentationssysteme.

Vielleicht doppelte Zertifikate.
Vielleicht mehrere HR-Systeme.
Vielleicht sogar mehrere CRMs.

Dein Traum von Synergie verschwindet.
Wie Sir Lancelot im Nebel.

Deine Fusion wird nie effektiv durchgezogen. Du betreibst zwei Paralleluniversen.

Lange geht das nicht gut.

Das schlimmste Szenario: Ein paar Jahre später seht Ihr ein, dass Ihr nicht zusammenkommt.

Keine Marktakzeptanz. Kein Zusatzgeschäft. Oder deutlich unter der Erwartung.

Dann kommt die Ausgründung. Mit den gleichen Leuten, die einst kamen.

Jetzt gehen sie. Und sie gehen gestärkt.

Denn sie haben gelernt, wie ein Konzern funktioniert. Und dabei den Kundenstamm sorgfältig gehütet.

Das einzige was Dir bleibt? Ein paar verlorene Jahre.

Jahre, in denen Du ihr Produkt nachgebaut hättest. Nur besser.

Wie Du all das vermeiden kannst?

Aufklärung

Schau genau hin, wie die „Neuen“ arbeiten. Meist sind sie kleiner.

Aber erfolgreich. Darum hast Du sie ja eingekauft.

Weil sie etwas hatten, was Dein Unternehmen nicht hatte.
Das Produkt, das Deinem Portfolio fehlte.

Vielleicht haben sie den moderneren Toolstack. Wahrscheinlich die schlankeren Prozesse. Die sie schneller gemacht haben als Dich.

Viel wichtiger aber: vielleicht sind deren Prozesse menschlicher als Deine.

Mit der Akquise hast Du nicht nur ein neues Produkt eingekauft. Sondern eine neue Perspektive.

Neue Denkweisen. Andere Tools.

Nutze diesen größeren Pool gut. Wähle sorgfältig aus.

Du kannst Dir sicher sein, dass Du nichts davon in der Due-Diligence findest. Wenn Du nicht hinschaust, auch nicht später.

Du musst es aufspüren. Ein Kreuzzug.

Ohne Pferde.

Dann gewinnen vielleicht alle.

Formation

Plötzlich wird aus dem „wir“ und „sie“ eins.

Unmerklich. Aber nachhaltig.

Das Wichtigste: Gemeinsames Wissen.

Möglicherweise ist im Team eine Business-Intelligence-Koryphäe.
Oder ein begnadeter Coach.

Irgendwer kann Prozessdesign im Schlaf singen.
Oder hat unzählige Relaunches erfolgreich gemeistert.

Aus 60 Richtlinien werden 20. Das überteuerte CRM bekommt seine verdiente ewige Ruhe.

Die Multi-Plattform-Strategie funktioniert endlich. Einfach so.

Verborgene Schätze erscheinen.

Die eine Middleware, die alles verbindet.
Das eine Pattern, das alle gesucht haben.

Die Testautomatisierung, die skaliert. Ein O(1)-Algorithmus, der die Konkurrenz abhängt.

Die Liste der Möglichkeiten wird lang. Wenn Du lang genug darüber nachdenkst.

Tauziehen um Namenskonventionen? Fast schon vergessen.

Endlose Debatten über den Code-Stil? Geschichte.

Commit-Message-Streitigkeiten? Gegenstandslos.

Inkompatible API-Änderungen? Ausgeschlossen.

Fehlerberichte? Halbiert.

Der NPS? Zwei Punkte besser.

Klingt gut? Zu gut, um wahr zu sein.

Traum vom Sieg

Die wenigen belastbaren Studien sind sich einig: die meisten Unternehmensverschmelzungen scheitern.

Und verbrennen Unternehmenswert. Für börsennotierte Unternehmen belegt. Bei privaten Deals vermutlich ähnlich.

Uneinigkeit herrscht nur über die genauen Zahlen.

Denn eine Fusion ist ein riskantes Abenteuer. Und schwierig. Und teuer.

Die Big Four „Studien“ erzählen das anders. Als Erfolgsgeschichte.

Deren Veröffentlichungen sind aber meistens eins: ein Werbeprospekt für die eigenen Leistungen.

Methodisch schwach. Pseudowissenschaft par excellence.

Sie schildern den Traum vom Sieg plastisch. Such einfach eine davon im Netz. Einen Link gönne ich ihnen nicht.

Der Heilige Gral liegt woanders.

Deren Ratschlag zum Erfolg?

Nur ein paar Bull****-Points:

  • Kultur - Unabdingbar. Egal, wie sie aussieht.

  • Synergie - „Das Ganze ist mehr als seine Teile“. Die faszinierende Welt der Übermengen-Lehre.

  • Geschwindigkeit - Klar. Die Richtung auch?

  • Holistische Planung - Was auch immer „holistisch“ hier bedeuten soll.

  • Eiserne Governance - Kontrolle klingt schonmal gut. Nur: was ist Governance nochmal genau?

Diese fünf Dinge bedingen sich jeweils gegenseitig. Wie beim Loch im Eimer.

Tatsächlich auch mit einem ähnlichen Zirkelschluss: „Erfolgreiche sind erfolgreich, weil sie sagen, sie seien erfolgreich.“

Die bittere Wahrheit: der Traum der guten Fusion wird wohl vorerst ein Traum bleiben.

Auch von guten Prozessen träumen viele Unternehmen. Von gut gemanagten Prozessen wagen die meisten nicht einmal zu träumen.

Kannst Du sie überhaupt bauen?
Worauf kommt es an?
Und was hat das mit 3-Sterne-Küche zu tun?

Erfährst Du im nächsten Artikel.